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Alles grau in grau?

Beton ist kalt und ungemütlich, so das gängige Vorurteil – von wegen! WELTKUNST Living kratzte kräftig an der Fassade – und entdeckte ein innovatives Material mit Geschichte, das zunehmend auch Interieur-Designer begeistert. Von Andrea Mende

Er pflastert Landschaften zu und lässt kalte, seelenlose Architektur emporwachsen. Plattenbauten sind sein Mittel gegen Wohnungsnot, doch am Ende bleiben nur nüchterne Massenbehausungen. Mit solchen Vorurteilen hatte Beton lange zu kämpfen. Dabei kommen die Grundzutaten aus der Natur: Kalkstein und Ton bilden den Zement, hinzu kommen Sand und Kies sowie Wasser.

Beton ist uralt. Antike Funde belegen, dass Mörtel bereits im Altertum Verwendung findet. Mit „opus caementitium“ entwickeln die alten Römer eine Vorstufe des Beton, woraus Wasserleitungen, Straßen und das Pantheon in Rom entstehen. Im Mittelalter gerät die römische Bautradition in Vergessenheit. Erst 1824 legt der englische Maurermeister Joseph Aspdin mit dem „Portlandzement“ quasi den Grundstein für modernen Betonbau. Weitere Verbesserungen folgen und somit erste Gebäude aus bewehrtem Beton, ein stabileres Material, das größere Spannweiten ermöglicht.

Beton ist revolutionär. Für die Bauhaus-Ära (1919–1933) spielt Beton eine tragende Rolle. Walter Gropius baut ab 1925 die Meisterhäuser und das Lehrgebäude in Dessau. Siedlungen für den sozialen Wohnungsbau entstehen aus industriell vorgefertigten Platten, bei der May-Siedlung in Frankfurt oder „Weissenhof“ in Stuttgart, an dem Le Corbusier, Gropius und Mies van der Rohe beteiligt sind. Plattenbau steht nun für vereinfachte Abläufe, eine optimierte Raumaufteilung. In den USA prägt die Chicagoer Schule die Architektur des späten 19. Jahrhunderts, die Skelettbauweise bringt erste Hochhäuser hervor. Louis Henri Sullivan und Frank Lloyd Wright sind einflussreiche Planer.

Beton ist gerade. Oder geschwungen. Die Schalenbauweise bringt expressionistische Architektur hervor. Le Corbusier, dessen Gebäude sonst klar und streng gebaut sind, geht in den 1950er Jahren plastischer mit Beton um. Die Wallfahrtskirche in Ronchamp (1954) weist ein Dach auf, das sich gen Himmel stülpt. Beton ist vom konstruktiven zum gestalterischen Element avanciert.

Beton weckt Emotionen. Rückt die Konstruktion in den Hintergrund, treten Details hervor. Die „Kirche des Lichts“ (1987–1989) gehört zu den bekanntesten Arbeiten des Japaners Tadao Ando. Ein Betonkubus, dessen Altarwand durch ein Kreuz durchschnitten wird. Hierdurch fällt das Licht in den Innenraum. Der Bau erscheint karg und poetisch zugleich.

Beton ist universell. Heutige Betonarten unterscheiden sich erheblich. Von der
Zusammensetzung hängt es ab, ob der Beton schwer oder leicht, glatt oder rau ist oder über höchste Brandschutzqualitäten verfügt. Gesteinskörnungen und Pigmente entscheiden über Struktur und Farbe. Unabhängig von Superlativen ist Beton emissionsfrei und recycelbar, entweder zerkleinert oder im Ganzen als Platte. Graphic Concrete aus Finnland hat ein Verfahren entwickelt, um Texte, Muster oder Bilder auf Betonoberflächen zu übertragen.
Mit Glasfaserbeton von Rieder Smart Elements lassen sich komplexe Formen und Strukturen verwirklichen. Eine der neuesten Entwicklungen beim Faserbeton integriert lichtleitende Fasern. Das Ergebnis ist ein lichtdurchlässiger Beton, der mit Gegensätzen spielt.
Von aussen nach innen: Seit jeher übernahm Beton die klassische Aufgabe, Räume und Flächen zu bilden. Doch dank seiner unglaublichen Vielseitigkeit erobert das schlichte Baumaterial mehr und mehr den Interiorbereich. Da er sich gießen, einfärben, wachsen, polieren, schleifen und streichen lässt, sind die gestalterischen Freiheiten schier unbegrenzt. Das macht Beton zum absoluten Trendmaterial für experimentierfreudige Designer.

Nicht kalt, sondern cool. Der italienische Leuchtenhersteller Foscarini zum Beispiel hat 2010 „Aplomb“ vorgestellt, eine Hängeleuchte aus speziellem Zement und in drei Loftfarben erhältlich: Grau, Weiß und Braun. In Zusammenarbeit mit der Bekleidungsmarke Diesel entwickelte Foscarini die Leuchte „Tool“. Mit Gummikopf, Metallständer und einem Sockel aus Rohzement sieht sie aus, als käme sie direkt vom Fließband. Mit kontrastierenden Materialien arbeitet auch Molteni. „Arc“ von Foster + Partners (2010) ist ein Tisch mit einem markant und luftig geschwungenen Fuß aus Verbundstoff und einer Platte aus Sicherheitsglas. Ebenso kühn erstreckt sich die „Drift Bench“, eine Outdoorbank, entworfen 2006 von Amanda Levete für Established & Sons. Bei den Engländern läuft das Betonmöbel unter dem wohlklingenden Wortspiel „Concrete Poetry“. Und der „Crystal Palace“ von Swarovski beschert uns die „Cavern Collection“, Tische und Bänke aus Beton mit Einkerbungen, in denen unzählige Swarovski-Kristalle edel funkeln.

Kein Wunder, dass Beton der weltweit am häufigsten eingesetzte Baustoff ist und auch die hochkarätige Designwelt fasziniert. Sein graues Image hat er eingetauscht – gegen eines, das puristisch und stylish daherkommt.

Weltkunst Living, Ausgabe: April 2011