Wohnreportage
Zu Gast bei den „Müllern“
So nennen sich die Bewohner der Leipziger Industriemühle, in der stilvolle Lofts wie das der Reuters entstanden. Plus: Fördermittel für den Denkmalschutz
Ein Spaziergang am Leipziger Stadtrand führte Thomas und Sabine Reuter vor sechs Jahren zu einem überwucherten Grundstück. Zwischen Wiesen und Koppeln stießen sie auf einen imposanten Backsteinbau, viergeschossig mit Turm: Die 1908 gebaute Weizenmühle im Stadtteil Knauthain, die noch bis nach der Wende in Betrieb war.
Thomas Reuter erinnert sich an die erste Besichtigung. “Überall standen Maschinen: Sackrutschen, Mühlsteine, Förderschnecken. Von innen sah das Hauptgebäude viel besser aus und wir hatten gleich das Gefühl, darin steckt Potenzial”. Nachdem der Eigentümer ausfindig gemacht war, suchten die zukünftigen Bauherren weitere Mitstreiter, die wie sie „verrückt“ genug waren, sich auf die Sanierung der 1500 m2 Fläche einzulassen. “Das Projekt wäre für uns allein schlicht zu groß gewesen”, erzählt Sabine Reuter. Bald hatten die beiden genug Interessenten zusammen, die wie sie der Faszination des alten Backsteingemäuers erlagen. Als die Bauherrengemeinschaft aus sechs Parteien endlich gefunden war, konnte es losgehen. “Die größte Herausforderung bestand darin“, erinnert sich Thomas Reuter, „innerhalb dieser Gruppe von Gleichberechtigten einstimmige Entscheidungen zu treffen.” Am Anfang stand die Anerkennung des Gebäudes als Denkmal. Dies verlief weitgehend problemlos. Auch in gestalterischen Fragen ließ die Denkmalschutzbehörde viel Spielraum zu. Historisch vorgegeben war der Erhalt der Fassade und die Farbe Weiß für die Außenseite der Fensterrahmen. Für den Innenbereich gab es keine Regelung. Um die Ansicht vom Ortskern aus optisch unverändert zu erhalten, wurden die neuen Balkone rückseitig zum Garten hin angebaut, ebenso das 20 m2 große Glasdach für die oberste Etage. “Schwieriger waren Fragen rund um das Gemeinschaftseigentum, z. B. welche Heizung wir einbauen oder ob es einen Fahrstuhl geben soll, was zum Glück positiv entschieden wurde”, berichtet Thomas Reuter. Meist waren sich jedoch alle “Müller”, wie sich die Bewohner selbst nennen, einig. Denn die Geschichte des 100 Jahre alten Hauses sollte gut ablesbar sein. Die einfühlsame Sanierung des Industriebaus wurde 2008
mit dem Hieronymus-Lotter-Preis für Denkmalpflege der Stadt Leipzig belohnt. Einziger Wermutstropfen: die steuerliche und somit finanzielle Anerkennung durch das Finanzamt und die damit verbundene Unterstützung des Staates lässt leider noch auf sich warten.
Die bauseitige Planung ihres Mühlenlofts übernahm ein Architekt, alles andere entwickelten die Bauherren in Eigenregie: Grundrissgestaltung sowie Auswahl von Materialien, Farben und Lichtkonzept. “Wichtig war uns ein großzügiges Wohngefühl mit ausgeprägt archaischem Loftcharakter”, fasst Thomas Reuter zusammen. Auf zwei Etagen fließen die Räume ineinander, auf Wunsch nur getrennt durch weiße Schiebetüren, die sich klar vom frei gelegten Backsteinmauerwerk absetzen. Treppen und Geländer aus Metall und alte gusseiserne Stützen prägen das Ambiente, gemixt mit Designklassikern und gesammelter Kunst. Dazwischen tauchen Betonelemente auf, vom Boden bis zur Küchenarbeitsplatte. Die Mischung erlaubt ein komfortables Loftleben, das der Geschichte des Gebäudes in vielen Details deutlichen Respekt zollt.
zuhause wohnen, Ausgabe: 2/11 (Februar 2011)








